In den letzten Jahren habe ich die weitergeleitete Mail mit der Einladung für die Niedersachsenrallye immer recht schnell überflogen und nicht weiter groß beachtet. Rallyes, sind das nicht anstrengende Navigationsaufgaben für alte Leute? Dieses Jahr war es aber anders. Ich suchte noch eine Flugveranstaltung im Mai, und an der netten Einladungsmail blieb ich dieses Mal hängen. Wieso eigentlich nicht das Ganze einmal ausprobieren? Der Landesverband übernahm die Startgebühr, die Rallye sollte nur an einem Tag stattfinden, zudem nur etwa eine Flugstunde entfernt an der Nordseeküste in Blexen. Außerdem hatte ich durch meine Fluglehrerausbildung mein Theoriewissen wieder etwas aufgefrischt und war einer spannenden Aufgabe gegenüber nicht abgeneigt. Mein Co. Stefan war sowieso schon immer für knifflige Herausforderungen zu begeistern, und zusammen in der PA 18 sind wir durch jahrelange gemeinsame Fliegerei ein eingespieltes Team.

Die Zeit vor der Rallye nutzte ich für die Vorbereitung und las mir das Regelwerk durch, um einen Eindruck zu erhalten, was da auf uns zukam. Zudem bastelte ich mir einige Hilfsmittel, wie zum Beispiel. ein Messlineal für nautische Meilen im Maßstab 1:200.000 und einen Formelzettel. Am Vortag der Rallye trafen wir uns schon recht früh am Flugplatz, um das Flugzeug vorzubereiten und noch einige Ziellandungen zu üben. Da TopMeteo für den kommenden Vormittag in unserem Bereich etwas pessimistisch aufliegende Bewölkung prognostizierte, beschlossen wir kurzerhand, schon am Vorabend der Rallye nach Blexen zu fliegen. Dort konnten wir nicht nur bei der Ankunft einen schönen Sonnenuntergang über der Nordsee erleben, sondern wurden auch direkt herzlich empfangen und mit einem frisch gezapften Bier begrüßt.

Deichidyll am Flugplatz Blexen

Am nächsten Morgen wurden wir durch reges Treiben am Flugplatz geweckt. Die Mitglieder der ansässigen Vereine in Blexen stellten tatkräftig eine hervorragende Verpflegung sicher, die nichts zu wünschen übrig ließ. Bis zum Briefing um 11 Uhr konnten wir in Ruhe frühstücken, die Kabinenverglasung des Flugzeugs putzen und mit den nach und nach eintreffenden Teilnehmern sprechen. Immerhin wussten wir immer noch nicht so recht, was genau auf uns zukam. Das Teilnehmerfeld ergab eine gute Mischung aus erfahrenen Rallyefliegern und Neulingen wie uns. Viele Fragen konnten so schon in Gesprächen vor dem Briefing beantwortet werden, die Stimmung war sehr freundlich und kameradschaftlich, eine unangenehme Konkurrenzatmosphäre kam nicht auf.

Mit dem Briefing begann der spannende Teil des Tages, alle relevanten Informationen wurden noch einmal zusammengefasst, dann wurden die Wettbewerbsunterlagen ausgegeben. Jede Besatzung erhielt ihre Unterlagen genau 75 Minuten vor ihrer jeweils vorgesehenen Startzeit. Eine erste Einstimmung auf die engen zeitlichen Vorgaben, die uns bis zur Abgabe der Unterlagen nach der Landung ständig auf Trab halten sollten. Ich erhielt zudem noch einen GPS-Logger zur Flugwegaufzeichnung, aus der später unsere Überflugzeiten, Kursabweichungen usw. ausgewertet wurden.

Eröffnungs-Briefing der Niedersachsenrallye mit 20 teilnehmenden Besatzungen von Baden-Württemberg bis Schleswig-Holstein, darunter 10 Einsteiger

Der erste Teil des Wettbewerbs bestand aus einer kleinen Planungsaufgabe, bei der Groundspeed, Luvwinkel und Ankunftszeiten berechnet werden sollten. Nachdem wir durch diese Übung aufgewärmt waren, ging es daran, zügig alle ausgehändigten Unterlagen, wie z. B. die Karten, sinnvoll zu ordnen, den Logger im Flugzeug zu installieren und uns abflugbereit zu machen. Diese 75 Minuten vergingen nämlich durch all diese Dinge verdammt schnell.

Was war jetzt genau die Aufgabe? Nach dem sekundengenauen Start, die Zeit lieferte die Loggeranzeige, hatten wir verschiedene Wendepunkte abzufliegen. Wie die Wendepunkte aussahen, wussten wir durch zwei Blätter mit Wendepunktbildern, natürlich nicht in der abzufliegenden Reihenfolge. Was an den Wendepunkten zu finden war, ging aus einer Flugverlaufsbeschreibung hervor. Für jeden dieser Wendepunkte gab es je nach vorher angegebener Geschwindigkeit, bei uns 70 Knoten, eine Überflugzeit. Diese Überflugzeit galt es auf die Sekunde genau einzuhalten. Während des Fluges zeigten sich, gerade bei dieser Aufgabe, die beachtlichen Langsamflugeigenschaften der PA 18 als vorteilhaft, denn nicht selten kamen wir etwas zu früh an den Wendepunkten an und ich musste beherzt „auf die Bremse treten“. Damit das Ganze aber nicht zu langweilig wird, mussten wir auf der Kursstrecke zwischen den Wendepunkten auch noch sogenannte Streckenbilder finden. Diese waren ebenfalls auf zwei DIN-A4-Blättern unsortiert mitgegeben worden.

Uns jedenfalls ist überhaupt nicht langweilig geworden bei der Bewältigung dieser Aufgaben. Ich war vorne damit beschäftigt, den Kurs und die Geschwindigkeit so gut es ging zu halten, den nächsten Wendepunkt möglichst früh zu entdecken und zeitgemäß zu erreichen. Stefan musste mir zu diesem Zweck vom hinteren Sitz ständig die Loggerzeiten durchgeben. Dieser hatte nämlich vorne keinen Platz gefunden. Sicherlich eines der Dinge, die beim nächsten Mal optimiert werden müssen. Ich durfte ihn mit meinem nervigen Nachfragen jedoch nicht allzu häufig von seiner eigentlichen Haupttätigkeit abhalten, dem Finden und richtigen Einzeichnen der Streckenbilder.

So verging die Zeit bis zu unserem Zwischenziel Oldenburg recht zügig. Flüge mit Groundspeeds von teilweise unter 60 Knoten erlebe ich sonst als deutlich zäher. Aber so war ich beinahe froh, eine kurze Verschnaufpause vom Navigieren zu bekommen und „nur“ mal eben eine Ziellandung abzuliefern. Bei spürbarem Gegenwind und einer dankbaren Graspiste aber mit der Piper durchaus machbar.

Danach führte uns die restliche Flugstrecke wieder halbkreisförmig nach Blexen zurück. Es war dann spannend, über Funk zu hören, wie präzise auch die anderen Teilnehmer den letzten Überflugpunkt erreichten und zur abschließenden Ziellandung anflogen. Nach der Landung blieb uns noch etwas Zeit, den Lösungsbogen auszufüllen, in den die Entfernung der entdeckten Streckenbildobjekte vom jeweils vorangehenden Wendepunkt einzutragen waren. Hier kam nun auch endlich mein gebasteltes Messlineal zur Geltung.

Anflug zur Ziellandung in Blexen

Dann fiel die Anspannung der letzten 106 Minuten und 6 Sekunden langsam von uns ab. Die exzellente Verpflegung der Blexener Fliegerkameraden half uns, dem sogleich aufkommenden Hunger schnell abzuhelfen. Durch eine Live-Auswertung der Flugdaten kam dann aber durchaus wieder etwas Spannung auf. Wie hatten wir wohl abgeschnitten? Während des Fluges hatten wir ein gutes Gefühl, die Zeiten passten einigermaßen und Stefan hatte viele Streckenbilder gefunden. Und tatsächlich, nachdem die Auswertungsliste vollständig war, standen wir immer noch recht weit oben. Unsere Punktezahl reichte für den ersten Platz der Einsteigerklasse und für den dritten Platz in der niedersächsischen Gesamtwertung. Die Preise hierfür nahmen wir bei der Siegerehrung stolz entgegen. Nach einer abschließenden Stärkung flogen wir dann zurück nach Hause, um dort unseren unerwarteten Erfolg noch etwas zu feiern.

Die zufriedenen Sieger in der Einsteigerklasse zwischen dem Vorsitzenden der Motorflugkommission des LVN Theo Dornemann (links) und dem Wettbewerbsleiter Wilfried Wrede (rechts)

Abschließend möchten wir uns ganz herzlich für die hervorragende Organisation und die ausgezeichnete Verpflegung in Blexen bedanken. Uns hat die Niedersachsenrallye sehr viel Spaß gemacht, und wir sind beim nächsten Mal bestimmt wieder mit dabei. Rallyefliegen, das wissen wir jetzt, bietet eine tolle Herausforderung, sowohl für Einsteiger als auch für erfahrene Piloten, und in der freundlichen Atmosphäre dieser Veranstaltung fühlt man sich gleich wohl. Wir können also jedem nur empfehlen, diese Erfahrung selbst einmal zu machen!

Text: Jan Baucke und Stefan Kösel